Tierhaftigkeit¶
Das Tier lebt in allen Kreaturen, von umherhuschenden Kakerlaken über verlauste Ratten und wilde Wölfe bis hin zu mächtigen Kainskinder-Ahnen. Tierhaftigkeit erlaubt dem Vampir, sein ohnedies urtümliches Wesen noch zu verstärken. Er kommuniziert nicht nur empathisch mit Tieren, sondern zwingt ihnen auch seinen Willen auf und bringt sie dazu, seine Befehle zu befolgen. Wenn die Macht des Vampirs wächst, kann er sogar das Tier in Sterblichen und anderen übernatürlichen Wesen kontrollieren.
Vampire, denen diese Disziplin oder die Fertigkeit Tierkunde fehlen, scheinen Tiere abzustoßen, da sie sich in der Umgebung Untoter sichtlich unwohl fühlen und alles in ihrer Macht Stehende tun, um wegzukommen, oder gar angreifen werden. Im Gegensatz dazu beruhigen Kainskinder mit Tierhaftigkeit mindere Kreaturen — ja, Tiere fühlen sich oft von der Dominanz, die sie ausstrahlen, angezogen.
Tierhaftigkeit findet sich in erster Linie bei Gangrel und Nosferatu. Manipulation und Charisma sind der Schlüssel zu Tierhaftigkeitskräften; je stärker die Persönlichkeit des Vampirs, desto besser kann er Tiere beeinflussen.
• Wildes Flüstern¶
Diese Kraft ist die Basis, aus der alle anderen Fähigkeiten der Tierhaftigkeit erwachsen. Der Vampir knüpft eine empathische Verbindung zu einem Tier, die es ihm ermöglicht, mit diesem zu kommunizieren oder ihm einfache Befehle zu erteilen. Kainiten müssen dem Tier nur in die Augen sehen, um diese Unterhaltung einzuleiten. Wenn der Austausch erst einmal begonnen hat, kann der Vampir der Kreatur Befehle in ihrer eigenen Sprache geben, also zirpen, zischen oder bellen, was zwar nicht nötig ist, aber hilfreich. Der Blickkontakt muss die ganze Zeit über bestehen bleiben; im Falle einer Unterbrechung muss das Kainskind ihn erneut herstellen, um wieder mit dem Tier sprechen zu können.
Es wird umso schwerer, mit dem Tier im Inneren eines Tiers zu kommunizieren, je weniger entwickelt die Tierart ist. Mit Säugetieren, Raubvögeln und größeren Reptilien zu kommunizieren ist relativ leicht. Insekten, Wirbellose und die meisten Fische (möglicherweise mit Ausnahme größerer wie etwa Haie) sind zu einfach und das Tier in ihnen ist zu schwach, als dass man mit ihm Kontakt aufnehmen könnte.
Wildes Flüstern gibt keine Garantie, dass das Tier überhaupt mit dem Vampir sprechen will. Aber üblicherweise verbessert sich seine Einstellung dem Kainskind gegenüber. Wie der Vampir seine Bitten dem Tier vorträgt, hängt oft von der Tierart ab. Kleinere Tiere lassen sich einschüchtern, so dass sie Befehle entgegennehmen, während man Befehle an große Raubtiere besser in Bitten verpackt.
Wenn der Vampir die Kraft erfolgreich einsetzt, versucht das Tier, den Befehl so gut es kann und ihn versteht auszuführen. Sehr komplexe Befehle (etwa solche, die Entscheidungen oder abstraktes Denken erfordern) haben nur bei den intelligentesten Tieren Sinn. Befehle, die das Tier versteht, lassen sich jedoch so tief einpflanzen, dass sie das Verhalten des Tieres eine Zeit lang beeinflussen.
System
Um mit einem Tier zu sprechen, ist kein Wurf erforderlich, wohl aber Blickkontakt. Befehle erfordern einen Wurf auf Manipulation + Tierkunde. Die Schwierigkeit hängt von der Kreatur ab: Schwierigkeit 6 bei Raubtieren aus der Familie der Säuger (Wölfe, Katzen, Vampirfledermäuse), 7 bei anderen Säugern und Raubvögeln — Ratten, Eulen —, 8 bei anderen Vögeln und Reptilien — Tauben, Schlangen. Diese Schwierigkeit kann man den Umständen und dem rollenspielerischen Geschick anpassen (wir empfehlen dringend, jede Kommunikation zwischen Charakteren und Tieren auszuspielen).
Die Anzahl der Erfolge, die der Spieler erzielt, gibt vor, wie stark sich die Befehle des Charakters auf das Tier auswirken.
1 Erfolg reicht, damit eine Katze jemandem folgt und den Charakter dann dorthin bringt, 3 Erfolge reichen, um einen Raben jemanden wochenlang ausspionieren zu lassen, und 5 stellen sicher, dass ein Grizzly monatelang aufmerksam den Zugang zur Wildniszuflucht eines Charakters bewacht.
Je nach Wesen des Charakters wird sich die Herangehensweise an die Unterhaltung mit dem Tier unterscheiden. Der Charakter könnte es mit Einschüchtern, Provokation, Schmeichelei, Besonnenheit, emotionalen Bitten oder praktisch allem anderen versuchen. Der Spieler sollte verstehen, dass er nicht einfach den Charakter, sondern auch das Tier in ihm spielt.
Der Einsatz dieser Kraft kann ein Tier nicht zwingen, etwas zu tun, was seinem Wesen zuwiderläuft oder sein Leben zu riskieren. Der erwähnte Grizzly würde zwar die Zuflucht des Vampirs bewachen und verteidigen, aber nicht, wenn er offensichtlich in der Unterzahl ist und nicht gegen einen übermächtigen, übernatürlichen Gegner. Ein Raubvogel lässt sich vielleicht überreden, eine Beute zu hetzen, würde aber sicher nicht irgendeinen Ort verteidigen. Ein gut erzogener Hund oder eine launische Katze hätten kein Problem damit, etwas zu berichten, was sie gesehen haben, würden aber nicht in einen Kampf eingreifen, solange ihnen eine andere Möglichkeit bleibt — obgleich sie wahrscheinlich bereit wären, zu bleiben und zu kämpfen, wenn es ein strenges Kainskind fordern würde, nur um dann bei der ersten sich bietenden Gelegenheit zu fliehen.
•• Der Lockruf¶
Die Verbindung des Vampirs zum Tier ist nun stark genug, um ihm zu erlauben, in der Stimme einer bestimmten Tierart zu rufen — er kann heulen wie ein Wolf, krächzen wie ein Rabe usw. Dieser Ruf lockt mystisch Vertreter der gewählten Tierart an. Da jede Tierart anders ruft, wirkt Der Lockruf je nur auf eine Tierart.
Alle derartigen Tiere in Hörweite werden gerufen, können aber entscheiden, ob sie reagieren oder nicht. Die, die reagieren, werden dem Vampir nicht unbedingt unmittelbar von Nutzen sein. Sie sind dem Kainiten jedoch wohlgesonnen, und die meisten bieten ihm Hilfe an. (Der Vampir kann dann bei einzelnen Tieren Wildes Flüstern verwenden, um sie zu befehligen, und das möglicherweise, wenn der Erzähler es so entscheidet, mit verminderter Schwierigkeit).
System
Der Spieler würfelt Charisma + Überleben, um festzustellen, wie gut die beabsichtigten Ziele den Ruf aufnehmen (Schwierigkeit 6), indem er die untenstehende Tabelle konsultiert. Die einzigen Tiere, die reagieren können, sind die in Hörweite des Lockrufs. Wenn der Erzähler bestimmt, dass keine Vertreter dieser Art in Hörweite sind, bleibt der Ruf unbeantwortet. Der Ruf kann so spezifisch sein, wie der Spieler will. Ein Vampir könnte alle Fledermäuse aus der Gegend rufen, nur die männlichen oder nur den Albino mit dem eingerissenen Ohr, den er in der Nacht zuvor gesehen hatte.
| Erfolge | Ergebnis |
|---|---|
| 1 Erfolg | Ein Tier reagiert. |
| 2 Erfolge | 25 % aller Tiere in Hörweite reagieren. |
| 3 Erfolge | 50 % aller Tiere in Hörweite reagieren. |
| 4 Erfolge | Die meisten Tiere reagieren. |
| 5 Erfolge | Alle Tiere reagieren. |
••• Lied der Ruhe¶
Als ultimative Raubtiere sind Kainskinder hervorragend eingestimmt auf das tierhafte Wesen in jedem sterblichen Herzen. Ein Vampir, der diese Kraft beherrscht, kann einem Sterblichen oder einem Tier seinen Willen aufzwingen, indem er ihn berührt oder ihm auch nur in die Augen schaut und sich für einen kurzen Moment mit seinem tierhaften Geist in Verbindung setzt. Das unterdrückt alle mächtigen, starken Gefühle — Hoffnung, Wut, Liebe, Furcht — im Ziel. Es verliert allen Mut, alle Hoffnung und Inspiration.
Sterbliche, denen das Feuer des Tiers in ihrem Inneren fehlt, sind recht handzahm und reagieren noch auf die stressigsten Situationen mit Gleichgültigkeit. Selbst die mutigsten Sterblichen werden passiv und gleichgültig, während empfindsamere unter dem Einfluss der Kraft durchaus phobische Geistesstörungen erleiden können.
Verschiedene Clans setzen diese Kraft unterschiedlich ein, doch der Effekt ist immer der gleiche. Tzimisce nennen sie Ducken des Tiers und sehen die Kraft als Beweis für ihre Überlegenheit über mindere Wesen, also etwa Sterbliche, deren schwächerer Geist sich vor dem Tier im Inneren des Kainskindes duckt. Nosferatu bezeichnen sie als Lied der Ruhe, da sie mit ihr das Tier in ihrem Ziel in einen Zustand äußerster Ruhe versetzen, was ihnen erlaubt, ungestört zu trinken. Gangrel kennen die Kraft als Einschüchterung des Tiers und zwingen den Geist der Sterblichen in einen Zustand der Apathie oder der Furcht, je nachdem, was zum Wesen des jeweiligen Vampirs passt.
System
Der Spieler würfelt Manipulation + Einschüchterung (oder Empathie, wenn er das besänftigende Lied der Ruhe einsetzt; Schwierigkeit 7) und muss so viele Erfolge erzielen, wie das Ziel Willenskraft hat. Dies ist eine erweiterte Handlung. Jeder Fehlschlag bedeutet, dass der Vampir wieder von vorn beginnen muss, während ein Patzer bedeutet, dass er das Tier dieses Wesens bis zum Ende der Szene nicht wieder wird beeinflussen können.
Wenn man das Tier eines Sterblichen ängstigt oder beruhigt, kann er keine Willenskraft mehr einsetzen oder regenerieren. Er stellt jede Gegenwehr ein, sei sie geistig oder körperlich. Er kann sich nicht mal mehr gegen Angriffe wehren, doch kann der Erzähler ihm einen Willenskraftwurf zugestehen, wenn sein Leben in Gefahr ist. Um sich von dieser Kraft zu erholen, kann der Sterbliche einmal täglich Willenskraft (Schwierigkeit 6) würfeln, bis er so viele Erfolge gesammelt hat, wie der Kainit Willenskraft hat. Kainiten selbst sind durch diese Kraft nicht beeinflussbar.
Man kann zwar mit dieser Fähigkeit das Tier eines Vampirs nicht verängstigen, doch kann der Erzähler Charakteren erlauben, die „besänftigende" Variante dieser Kraft zu nutzen, um einen Vampir aus der Raserei zu holen. Ab 3 Erfolgen darf der rasende Vampir noch einmal würfeln, um sich aus der Raserei zu befreien, und zwar mit derselben Schwierigkeit wie der Reiz, der die Raserei ursprünglich ausgelöst hat.
•••• Geteilter Geist¶
Indem der Vampir einem Tier in die Augen schaut, kann er dessen Geist übernehmen. Manche Ahnen glauben, der Vampir könne seine Seele in den Körper des Tieres übertragen, da Tiere ja nur einen Geist, aber keine Seele haben. Die meisten jüngeren Vampire glauben, es ginge darum, sein Bewusstsein in den Geist des Tiers zu übertragen. Jedenfalls ist man sich einig, dass das Bewusstsein des Kainskindes den schwächeren Geist (oder das schwächere Denken) des Tiers verdrängt. Sein eigener Körper wird bewusstlos und bleibt während dieser Zeit bewegungslos, als läge er in Starre.
Manche arrogante Tzimisce meiden diese Kraft, da sie es als entehrend betrachten, in den Körper einer minderen Kreatur einzudringen. Wenn, dann übernehmen sie Raubtiere. Gangrel hingegen schwelgen in dieser Verbindung zur Natur in ihrer elementaren Ausprägung. Ihnen macht es Freude, vom Wesen verschiedener Tiere zu kosten.
System
Der Spieler würfelt Manipulation + Tierkunde (Schwierigkeit 8), wenn der Charakter dem Tier in die Augen schaut (er kann nur Tiere mit Augen übernehmen). Die Anzahl der Erfolge legt fest, wie viel freien Willen und welche Kräfte der Charakter noch behält, während er das Tier übernommen hat (s. untenstehende Tabelle).
| Erfolge | Ergebnis |
|---|---|
| 1 Erfolg | Disziplinen sind nicht anwendbar. |
| 2 Erfolge | Auspex und andere Sinneskräfte sind anwendbar. |
| 3 Erfolge | Der Charakter kann auch Präsenz und andere Kräfte der emotionalen Manipulation anwenden. |
| 4 Erfolge | Der Charakter kann auch Beherrschung, Irrsinn und andere Kräfte der geistigen Manipulation anwenden. |
| 5 Erfolge | Der Charakter kann auch Nekromantie, Thaumaturgie, Schimären und andere magische Kräfte anwenden. |
Diese Kraft verwebt das Bewusstsein des Charakters eng mit dem des Tiers, und manchmal wird er anfangen, wie das Tier zu denken und zu fühlen, selbst noch nach dem Abbruch der Verbindung. Dies hält an, bis 7 Willenskraftpunkte eingesetzt wurden, um zu widerstehen und spezielle Auswirkungen zu überwinden. Das sollten Sie ausspielen.
Am Ende jedes besonders aufregenden Ereignisses sollte der Spieler Geistesschärfe + Empathie würfeln (Schwierigkeit 8), damit der Charakter die Kontrolle über sich behält. Ein Fehlschlag bedeutet, dass der Geist des Charakters in seinen Körper zurückkehrt, aber weiterhin in rein tierhaften Begriffen denkt. Ein Patzer lässt den Charakter in seinen Körper zurückkehren und stürzt ihn in Raserei.
Solange der Charakter sich im Körper des Tiers befindet, kann er sich so weit von seinem eigenen entfernen, wie es ihm physisch möglich ist. Der Charakter unterhält in dieser Zeit aber keine bewusste Verbindung mit seinem Vampirkörper. Der Vampir kann sich auch tagsüber hinauswagen, wenn auch im Körper eines Tiers. Er muss dazu aber wach sein, und aus diesem Grunde muss der Spieler einen Wurf zum Wachbleiben schaffen. Wenn der Charakter den Tierkörper (freiwillig, durch Einschlafen seines Körpers oder nach schwerer Verletzung) verlässt, kehrt das Bewusstsein des Tiers sofort in seinen Körper zurück.
Auch wenn der Vampir in dieser Zeit keine bewusste Verbindung mit seinem Vampirkörper unterhält, besteht ein intuitives Band. Alles, was das Tier fühlt, empfindet auch der Vampir, von Lust bis Schmerz. In der Tat trifft jeder Schaden, den der Tierkörper nimmt, auch den des Charakters, doch kann das Kainskind normal absorbieren. Stirbt das Tier, ehe die Seele des Vampirs aus dem Körper fliehen kann, fällt der Körper des Charakters in Starre. Das ist angeblich eine empathische Reaktion auf das schwere Trauma des Todes, doch manche Kainskinder glauben, die Seele des Vampirs erleide in dieser Zeit sozusagen Schiffbruch und müsse erst wieder in den Körper zurückfinden.
••••• Austreibung des Tiers¶
Auf dieser Tierhaftigkeitsstufe hat das Kainskind tiefstes Verständnis für das Tier in ihm erreicht. Jedes Mal, wenn das Tier zu mächtig wird, um es unter Kontrolle zu halten, kann der Vampir seine wilden Gelüste auf ein anderes Wesen übertragen. Der Empfänger des Tiers des Vampirs gerät augenblicklich in Raserei. Dies ist aber eine unnatürliche Raserei, da der Kainit dem Opfer sein Geist überträgt. Insofern sind Verhalten und Ausdrucksweisen des Vampirs im rasenden Tun des Opfers erkennbar.
Besonders Gangrel und Tzimisce lieben es, ihr Tier auf andere loszulassen. Gangrel tun es, um ihre Ghule im Kampf zu neuen Höhen der Brutalität zu führen. Tzimisce ist weniger wichtig, wer ihr Tier empfängt, ihnen geht es eher darum, selbst Haltung zu bewahren.
System
Um diese Kraft zu verwenden, muss der Vampir sich in oder kurz vor der Raserei befinden und einen Wurf auf Manipulation + Selbstbeherrschung/Instinkt (Schwierigkeit 8) machen. Der Spieler muss sein gewünschtes Ziel vor dem Wurf bekanntgeben. Es muss sich in Sichtweite befinden — Ergebnisse s. untenstehende Tabelle:
| Erfolge | Ergebnis |
|---|---|
| 1 Erfolg | Der Charakter überträgt das Tier auf eine zufällig bestimmte Person. |
| 2 Erfolge | Die Anstrengung betäubt den Charakter, und er kann in der nächsten Runde nicht handeln, überträgt aber das Tier. |
| 3+ Erfolge | Der Charakter hat Erfolg. |
Misslingt der Versuch, steigt die Intensität der Raserei noch, denn wenn sich der Charakter in der Erwartung entspannt, sich von den wilden Bedürfnissen des Tiers befreit zu haben, ergreift dieses die Gelegenheit, tiefer zu schürfen. Die Raserei wird in diesem Fall doppelt so lang dauern und doppelt so schwer abzuschütteln sein; sie wird auch um vieles intensiver sein als normal. Ein Patzer bei diesem Wurf ist noch fürchterlicher. Die verstärkte Raserei ist so extrem, dass nicht einmal der Einsatz von Willenskraftpunkten ihre Dauer oder Auswirkungen sinnvoll beschränken wird. Der Charakter ist ein hilfloses Opfer der schrecklichen Wut des Tiers in ihm. Wenn der Charakter sich aus der Gegenwart des Ziels zurückzieht, ehe die Raserei verebbt, wird er sein Tier verlieren, vielleicht gar für immer. Zwar ist der Charakter nun gefeit gegen Raserei, doch er kann keine Willenskraft einsetzen oder wiedererlangen und wird zunehmend lethargisch. Um das Tier wiederzuerlangen, muss er die Person finden, die es jetzt besitzt (der es wahrscheinlich nicht gutgeht) und das Tier wieder einfangen. Er muss sich so benehmen, dass das Tier zurückkehren will, was das Tier leider nicht immer will. Alternativ dazu kann der Charakter den Wirt auch töten (was das Tier sofort in ihn zurückholt), aber das kostet mindestens einen Menschlichkeitspunkt.
••••• • Geteilte Seele¶
Diese Kraft gestattet einem Charakter, tief in den Geist eines beliebigen Tieres in Reichweite einzutauchen. Geteilte Seele kann für beide beteiligten Parteien sehr verwirrend sein, weil jeder Teilnehmer völlig in die Gedanken und Emotionen des anderen eintaucht. Mit ausreichend Bemühen oder Zeit kann jeder Teilnehmer ein völliges Verständnis der Gedanken des anderen gewinnen.
Geteilte Seele wird oft benutzt, um die Erinnerungen eines Tieres an ein bestimmtes Ereignis zu erhalten, aber manche Gangrel benutzen diese Kraft auch als Werkzeug auf der Suche nach Erleuchtung. Sie haben das Gefühl, ein besseres Verständnis für ihr eigenes Tier zu bekommen, wenn sie eine Beziehung zu wirklichen Tieren aufbauen. Ein zu enges Band kann jedoch beide Seelen miteinander verbunden halten, auch wenn die Verschmelzung beendet ist. Das führt dazu, dass der Vampir Manierismen, Verhaltensmuster oder sogar Moral (oder den Mangel daran) annimmt, die denen des betreffenden Tieres ähnlich sind.
System
Der Charakter berührt die Zielkreatur, und der Spieler würfelt Wahrnehmung + Tierkunde (Schwierigkeit 6). Der Spieler wendet 1 Willenskraftpunkt pro Runde über die erste hinaus auf, in der der Kontakt aufrechterhalten wird. Um eine spezielle Erinnerung zu finden, braucht man 6 Runden − 1 Runde pro Erfolg beim Wurf. Ein komplettes Band braucht 10 Runden − 1 Runde pro Erfolg beim Wurf. Ein Patzer bei diesem Wurf kann nach Entscheidung des Erzählers den Vampir in Raserei stürzen. Er kann dem Charakter auch eine Geistesstörung in Verbindung mit den Verhaltensmustern des Tieres einbringen (extreme Feigheit, wenn der Vampir Kontakt zur Seele einer Maus aufgenommen hat, Blutdurst, wenn das Ziel ein tollwütiger Hund war usw.)
••••• • Grünfutter¶
Die meisten Vampire finden Tierblut fad, geschmacklos und ohne Nährwert. Manche Gangrel und Nosferatu haben jedoch ein verfeinertes Verständnis der Geister solcher „minderwertiger Beute". Dies geht bis zu dem Punkt, an dem sie in der Lage sind, aus Tieren weit mehr Nährwert zu erhalten als normale Kainskinder. Diese Kraft gestattet es einem Ahnen nicht, allein von Tierblut zu leben. Sie erlaubt ihm jedoch, über längere Zeiträume auszukommen, ohne Vitae von Menschen oder anderen Kainskindern zu trinken.
System
Es ist kein Wurf erforderlich. Wenn man sie einmal gelernt hat, ist diese Kraft immer wirksam. Grünfutter erlaubt es einem Charakter, jeden Blutpunkt, den er von einem Tier bezieht, als 2 Punkte in seinem Blutvorrat zu zählen. Dies erhöht nicht die Größe des Blutvorrates eines Vampirs, nur den Nährwert von Tierblut.
Grünfutter gestattet es einem Charakter nicht, seine Gier nach Blut „höherer" Beute völlig zu ignorieren, tatsächlich erhöht es sogar sein Verlangen nach „richtiger Nahrung". Für je drei Mal (abgerundet), die der Charakter von einem Tier trinkt, wird die Schwierigkeit des nächsten Wurfs auf Selbstbeherrschung/Instinkt, den der Spieler machen muss, wenn der Charakter mit der Möglichkeit einer Mahlzeit aus menschlichem oder Kainskinderblut konfrontiert wird, kumulativ um 1 erhöht.
Grünfutter erhöht nicht den Wert der Blutpunkte anderer übernatürlicher Wesen (Gangrel, Werkreaturen usw.), die Tiergestalt angenommen haben.
••••• • Sprache der Tiere¶
Die Basiskraft Wildes Flüstern (Tierhaftigkeit 1) erlaubt einem Charakter, mit einem Tier zu kommunizieren. Mit Sprache der Tiere kann ein Charakter in geistige Verbindung mit allen Kreaturen einer bestimmten Spezies, die anwesend sind, treten. Sprache der Tiere wird am häufigsten nach Der Lockruf (Tierhaftigkeit 2) eingesetzt, mit dem man eine Menge geeigneter Zielobjekte herbeigerufen hat.
System
Der Spieler würfelt Manipulation + Tierkunde (Schwierigkeit 7), um Kontakt mit den Tieren aufzunehmen. Sobald der Charakter ihn hergestellt hat, muss der Spieler ein zweites Mal würfeln, um Befehle geben zu können. Es gibt keine Mengenbeschränkung der Tiere, denen er mit dieser Kraft etwas befehlen kann, allerdings müssen sich alle beabsichtigten Zielobjekte in der unmittelbaren Nachbarschaft des Vampirs befinden. Er kann immer nur eine Tierart auf einmal beherrschen; wenn also ein Charakter im Reptilienhaus in einem Zoo steht, könnte er alle Komodowarane, alle Abgottschlangen oder alle Skinke kommandieren, aber er könnte nicht gleichzeitig jedem anwesenden Reptil oder jeder Schlange Befehle erteilen. In jeder anderen Hinsicht funktioniert Sprache der Tiere genau wie Wildes Flüstern.
Anmerkung: Spieler, die sich zu sehr in die Unterschiede zwischen der Nord- und der Südostamerikanischen Diamantrückenklapperschlange vertiefen, sollten sich entspannen und die Sache auf sich beruhen lassen. Nach Erzählerentscheidung kann ein Charakter nach Aufwendung eines zusätzlichen Willenskraftpunktes den Befehl auf Mitglieder ähnlicher Spezies wie der ursprünglich kommandierten ausdehnen.
••••• •• Sieg über das Tier¶
Meister der Tierhaftigkeit haben ein viel größeres Verständnis sowohl der Tiere im Allgemeinen als auch ihres Tieres im Besonderen. Die, die diese Kraft entwickelt haben, können das Tier in sich bis zu einem Grad beherrschen, den jüngere Kainskinder nicht erreichen. Sieg über das Tier gestattet es einem Vampir, sowohl seine Raserei zu kontrollieren, als auch gezielt in sie zu verfallen. Manche Ahnen sagen, die Entwicklung dieser Kraft sei einer der ersten Schritte auf dem Weg zu Golconda.
System
Der Charakter kann nach Belieben in Raserei verfallen. Der Spieler würfelt Willenskraft (Schwierigkeit 7). Ein Erfolg lässt den Charakter in kontrollierte Raserei verfallen. Er kann seine Ziele nach Belieben aussuchen, hat aber entsprechend den normalen Rasereiregeln eine begrenzte Resistenz gegen Beherrschung und Wundabzüge sowie Immunität gegen Rötschreck. Ein Patzer bei diesem Wurf lässt den Vampir in unkontrollierte Raserei verfallen, die er nicht mit Sieg über das Tier beenden kann.
Der Spieler kann auch Willenskraft würfeln (Schwierigkeit 9), um den Charakter eine unabsichtliche Raserei kontrollieren zu lassen. In diesem Fall muss er 1 Willenskraftpunkt pro Runde aufwenden, in der der Vampir in Raserei bleibt. Der Spieler kann normale Selbstbeherrschungs-/Instinktwürfe machen, um die Raserei zu beenden. Wenn allerdings dem Vampir die Willenskraftpunkte ausgehen, bevor die Raserei endet, verfällt er wieder in unkontrollierte Raserei. Ein Patzer beim Willenskraftwurf erhöht die Schwierigkeit der Selbstbeherrschungs-/Instinktwürfe des Vampirs um 2, und für den Rest der Nacht kann Sieg über das Tier nicht mehr benutzt werden.
••••• ••• Reizen des gefangenen Tieres¶
Manche Kainskinder sind mit dem Tier so vertraut, dass sie das anderer vorsätzlich freilassen können. Vampire, die diese Kraft entwickelt haben, sind in der Lage, mit der Berührung eines Fingers und dem daraus resultierenden, kurzen Kontakt mit dem im Opfer wohnenden Tier ihre Gegner in Raserei verfallen zu lassen. Der Körperkontakt erlaubt es dem Tier des Vampirs, hinüberzugreifen und das Tier des Opfers zu wecken, indem es dieses reizt, weil es sein Territorium bedroht.
System
Der Charakter berührt das Ziel. Der Spieler wendet 1 Willenskraftpunkt auf und würfelt Manipulation + Empathie (Schwierigkeit 7). Das Opfer würfelt Selbstbeherrschung/Instinkt (Schwierigkeit 5 + Anzahl der Erfolge); ein Scheitern bedeutet sofortige Raserei, bei der die Standardregeln gelten. Ein Patzer führt dazu, dass der Charakter sein eigenes Tier loslässt und stattdessen in Raserei verfällt. Die Kraft kann man nur bei Personen anwenden, die zur Raserei fähig sind, und löst bei gewöhnlichen Sterblichen mordlüsterne Wutanfälle aus, die des blutrünstigsten Berserkers der Brujah würdig sind.
••••• •••• Entfesseln des Tieres¶
Ahnen, die diese grauenvolle Kraft besitzen, können die selbstzerstörerische Natur der Kainskinder gegen sie wenden. Mit einem Blick kann der Vampir das Tier in seinen Feinden wecken und körperliche Verletzungen und quälende Schmerzen verursachen, indem sich die eigenen gewalttätigen Impulse des Opfers in körperlicher Form manifestieren und es von innen heraus zerreißen. Aus einem Ziel dieser Kraft bricht ein Springbrunnen aus Blut hervor, während Klauen- und Bisswunden aus einer unsichtbaren Quelle spontan sein Fleisch zerfetzen.
System
Der Charakter stellt mit dem beabsichtigten Opfer Blickkontakt her. Der Spieler wendet 3 Blutpunkte auf und würfelt Manipulation + Einschüchtern (Schwierigkeit ist Selbstbeherrschung/Instinkt des Opfers +4). Jeder Erfolg verursacht 1 Gesundheitsstufe tödlichen Schaden, den das Opfer absorbieren kann. Ein Patzer verursacht für jede gewürfelte 1 eine Gesundheitsstufe tödlichen Schadens beim Anwender. Dieser kann den Schaden auch normal absorbieren.
Von Tieren erzählen
Für den Erzähler ist es eine Herausforderung, Tiere als mehr als nur Werkzeuge, die die Handlung vorantreiben sollen, zu spielen, wenn ein Charakter mit ihnen kommuniziert. Viele Erzähler lassen Tiere wortkarg sprechen und erlauben den Charakteren, sie leicht zu lenken. In der Tat sind Tiere einfacher gestrickt als Menschen — sie konzentrieren sich auf die Gegenwart und sind instinktgesteuert, statt mit komplizierten Plänen auf komplexe Ziele hinzuarbeiten.
Einfach gestrickt bedeutet aber nicht dumm; Tiere brauchen Schläue und Wahrnehmungsfähigkeit, um zu überleben, und beides kann ein vampirischer Herr gut nutzen. Erzähler können Tiere zu dynamischen, interessanten Charakteren machen, die die Chronik sehr bereichern, oder schnell über die feineren Details ihres Charakters hinweggehen, um zu den vordringlicheren Konflikten ihrer Chronik zurückzukehren.